Sechs Abzüge einer Serie hängen in einer Reihe an der Wand, die Abstände sind ungleichmässig, einer hängt schief.

Über Reihenfolgen

Warum eine Bildserie mehr erzählt als ein einzelnes Foto

Valerie Schöning und Arnold Hahn6 Min.

Über Reihenfolgen

Warum eine Bildserie mehr erzählt als ein einzelnes Foto

Ein Bild weckt Aufmerksamkeit. Eine Sequenz stiftet Bedeutung, Rhythmus und Vertrauen.

6 Minuten Lesezeit Für Unternehmen und Menschen


Ein einzelnes gutes Foto ist ein Ereignis. Es funktioniert auf einer Startseite, in einer Anzeige, in einem sozialen Netzwerk, und es tut das sofort. Eine Serie dagegen braucht Zeit, und deshalb wird sie in der Praxis selten eingesetzt. Das ist ein Fehler, denn die Bilder, an die sich Menschen tatsächlich erinnern, kommen fast immer aus einer Folge.

Wir haben diesen Text gemeinsam geschrieben, weil der Gegenstand beide Seiten betrifft. Arnold Hahn denkt vom Aufnahmetag her, Valerie Schöning von der Auswahl. Was dabei herauskommt, ist eine Begründung dafür, warum sich der Aufwand lohnt.

Was ein Einzelbild nicht kann

Ein Einzelbild beantwortet eine Frage. Eine Serie beantwortet mehrere und stellt dabei neue. Der Unterschied lässt sich an einem konkreten Beispiel zeigen. Ein Porträt eines Werkstattmeisters vor dem Industriefenster sagt: Dieser Mann arbeitet hier. Dasselbe Bild in einer Folge mit einer Aufnahme seiner Hand an der Drehbank, einem Haufen Späne auf dem Boden und der leeren Werkstatt bei Dämmerung sagt etwas anderes: Dieser Mann arbeitet hier seit einunddreissig Jahren, und man kann sehen, was das bedeutet.

Der zweite Satz lässt sich nicht fotografieren. Er entsteht aus der Abfolge, und das ist der ganze Mechanismus.

Es gibt dafür einen Beleg aus einer anderen Disziplin. Der Deutschlandfunk-Kultur-Beitrag über Porträts im Wohnzimmer beschreibt, wie aus einer langen Begegnung eine Bildfolge entsteht und warum einzelne Aufnahmen daraus weniger tragen als die Reihenfolge.

Die vier Positionen einer Serie

Eine Serie, die funktioniert, braucht nicht viele Bilder, aber unterschiedliche. In unserer Arbeit hat sich eine Struktur mit vier Positionen bewährt.

Die erste Position ist die Übersicht. Ein Bild, das den Ort zeigt, bevor jemand darin auftaucht. Eine Werkhalle, ein Zimmer, ein Haus von der Strasse. Dieses Bild hat die Aufgabe, den Betrachter zu verorten, und es darf unspektakulär sein.

Die zweite Position ist die Nähe. Ein Porträt, eine Hand, ein Detail. Hier passiert die eigentliche Information, und hier liegt in der Regel das stärkste Bild der Serie.

Die dritte Position ist die Bewegung. Etwas, das gerade stattfindet: eine Hand am Werkzeug, ein Blick aus dem Fenster, eine Geste. Diese Aufnahme ist der Grund, warum eine Serie lebendig wirkt und nicht wie eine Aufstellung.

Die vierte Position ist die Ruhe. Ein Bild mit viel leerem Raum, oft am Ende einer Folge. Es gibt dem Betrachter die Möglichkeit, das Gesehene einzuordnen, und es ist die Position, die am häufigsten weggelassen wird.

Wer diese vier Positionen mit sechs Bildern füllt, hat eine Serie, die trägt. Wer zwanzig Bilder der zweiten Position aneinanderreiht, hat eine Sammlung, die ermüdet. Der Rhythmus einer Folge ist wichtiger als die Qualität des einzelnen Bildes, und das ist der Satz, dem Arnold am entschiedensten zustimmt.

Reihenfolge ist eine Entscheidung, keine Zufallsfolge

Die meisten Bildserien im Netz sind ungeordnet. Sie zeigen die Aufnahmen in der Reihenfolge, in der sie aus der Kamera kamen, oder in der Reihenfolge, in der jemand die Dateien sortiert hat. Das ist verschenktes Potenzial, weil die Abfolge selbst eine Aussage trifft.

Wir ordnen nach zwei Kriterien. Erstens nach Distanz: weit, nah, weit, nah. Zweitens nach Zeit: morgens, mittags, abends. Wenn beides gleichzeitig funktioniert, ist die Folge gut. Wenn nur eins davon passt, entscheiden wir uns für die Distanz, weil sie für den Betrachter unmittelbarer wirkt.

Was wir nicht machen, ist die Reihenfolge nach Schönheit. Das stärkste Bild gehört nicht nach vorne, sondern dorthin, wo es die Folge trägt. In den meisten Fällen ist das die zweite oder die dritte Position, nicht die erste.

Was das für Auftraggeber bedeutet

Wenn Sie einen Fototag planen, sollten Sie die Serie von Anfang an mitdenken und nicht nur die Einzelbilder. Konkret heisst das, dass ein Aufnahmetag mehr braucht als eine Liste von Personen und Räumen. Er braucht eine Vorstellung davon, in welcher Reihenfolge die Bilder später stehen sollen.

Das klingt nach Mehraufwand und spart in der Praxis Zeit, weil die Auswahl danach schneller geht. Wer eine Übersichtsaufnahme einplant, rechnet zwanzig Minuten am Anfang dafür ein. Ohne diese zwanzig Minuten bleiben am Ende zwölf Porträts und kein einziges Bild, das den Ort zeigt.

Dasselbe gilt für die Frage, wo die Bilder eingesetzt werden. Eine Serie für eine Karriereseite braucht andere Positionen als eine Serie für einen Geschäftsbericht. Die Kriterien für die Auswahl stehen unter Bilder für die Unternehmenswebsite auswählen.

Warum eine Serie Vertrauen erzeugt

Es gibt einen Effekt, den man in der Werbung seit Jahrzehnten nutzt und der in der Unternehmenskommunikation selten vorkommt. Wer mehrere Bilder von derselben Person in derselben Umgebung sieht, beginnt, die Umgebung zu kennen. Und wer eine Umgebung kennt, vertraut ihr eher.

Das ist der Grund, warum Reportagen anders wirken als Hochglanzbroschüren. Ein einzelnes perfektes Bild sagt: Hier wurde für die Aufnahme aufgeräumt. Eine Serie mit fünf Aufnahmen aus derselben Werkstatt sagt: Hier war jemand lange genug, um mehr als ein Bild zu machen. Diese zweite Aussage lässt sich nicht kaufen, und sie lässt sich auch nicht mit einer Bilddatenbank simulieren. Warum das so ist, steht unter Unternehmensfotos, die nach Unternehmen aussehen.

Für private Porträts gilt dasselbe in kleinerem Massstab. Vier Aufnahmen aus einem Nachmittag erzählen mehr über eine Familie als zwölf einzeln aufgenommene Einzelporträts. Wie so ein Termin abläuft, steht unter Ein gutes Porträt beginnt vor der Kamera.

Die praktische Seite

Eine Serie entsteht nicht dadurch, dass man mehr fotografiert. Sie entsteht dadurch, dass man an einem Ort lange genug bleibt, um vier verschiedene Aufnahmen zu machen, und dass man die Umgebung mitspielen lässt. Für einen Betrieb bedeutet das einen halben oder ganzen Tag. Für eine private Porträtsitzung zwei bis drei Stunden.

Was dabei an Vorbereitung nötig ist, steht unter Ein Fotoshooting vorbereiten. Wie man den Bildrand so setzt, dass eine Folge atmen kann, steht unter Was der Bildrand verändert. Wie die Fenster eines Raums die Reihenfolge mitbestimmen, steht unter Licht im Raum. Und wie man den Ort eines Betriebs in die Serie einbezieht, ohne ihn zur Kulisse zu machen, steht unter Fotografieren in Fechenheim und Frankfurt.

Zwei Punkte, die in der Praxis regelmässig untergehen, gehören zum Schluss erwähnt. Erstens: Eine Serie, die veröffentlicht wird, braucht für jedes Bild eine Beschreibung. Wer sich dafür Zeit nimmt, entdeckt dabei meistens, dass ein Bild in der Folge nichts beiträgt, und nimmt es heraus. Wie man das schreibt, steht unter Alt-Texte für Fotografien. Zweitens: Eine Serie, die in Betrieben gezeigt wird, braucht eine geklärte Rechtsgrundlage für jede abgebildete Person, und das ist keine Formalie.

Wer zwölf Bilder hat, von denen jedes eine Aufgabe erfüllt, braucht keine zwanzig. Die Frage, die dabei am häufigsten gestellt wird, kommt übrigens nicht von Betriebsführungen, sondern von Einzelpersonen, und sie ist unter Was mache ich mit meinen Händen? beantwortet. Wer eine Gruppe plant, findet die organisatorische Fassung unter Mitarbeiterporträts planen. Und wer noch nie vor einer Kamera stand, sollte mit Ein gutes Porträt beginnt vor der Kamera anfangen, weil dort steht, was am Termin selbst passiert.

Valerie Schöning

Valerie Schöning war zwölf Jahre Kulturjournalistin, bevor sie die Redaktion des Studios übernahm. Sie entscheidet, welche Bilder eine Geschichte tragen und welche nur Platz wegnehmen. Ihre Geduld mit austauschbaren Hochglanzmotiven ist begrenzt, ihre Geduld mit Betrieben, die ihre eigene Wirklichkeit zeigen wollen, sehr groß.

Arnold Hahn hat 2004 ein Hinterhaus in Alt-Fechenheim bezogen und dort ein Studio eingerichtet, das bis heute vor allem aus Nordlicht, zwei Holztischen und viel Boden besteht. Er fotografiert Menschen, Arbeitsorte und Werkstätten, meistens mit einer Kamera, die er seit fünfzehn Jahren benutzt. Vor der Aufnahme spricht er länger als viele Kolleginnen und Kollegen für nötig halten.

„Drei krawattenlose Manager, die auf ein leeres Tablet deuten, erklären keine Kompetenz.“