Fünf Mitglieder einer Familie kommen im Studio an, ziehen Jacken aus und verteilen sich ungeordnet im Raum, niemand steht in Reih und Glied.

Menschen

Zusammen im Bild

Fünf Menschen aus drei Generationen, kein einheitliches Hemd und keine Aufstellung. Ein Sonntagnachmittag mit offenem Ende.

Auftraggeber
Familie K. (Privatauftrag)
Ort
Fotostudio Arnolds, Alt-Fechenheim
Umfang
Ein Termin über zweieinhalb Stunden, fünf Aufnahmen in der Auswahl
Fotografie
Foto Arnold Hahn
Zeitraum
6. September 2026

Angefragt hat die Tochter, per E-Mail, mit einem Satz, der mir gefällt: Wir brauchen mal ein Bild, auf dem wir alle drauf sind, bevor die Oma nicht mehr mag. Sie hat dazu geschrieben, dass sie keine einheitlichen Hemden möchte und dass ihr Vater die Aufstellung von 2011 nicht wiederholen will. Wir haben einen Sonntagnachmittag vereinbart und im Vorfeld zwei Mails gewechselt, in denen es nur um Kleidung ging.

Fünf Menschen aus drei Generationen, das ist keine Gruppe, das ist ein Gremium. Die Grossmutter war siebenundsiebzig, kam als Erste und setzte sich sofort auf den Stuhl, den ich eigentlich für später vorgesehen hatte. Der Vater kam mit einer Aktentasche, die er nicht brauchte. Der siebenjährige Sohn hat als Erstes gefragt, wie lange das dauert, und ich habe gesagt, das wisse ich nicht, und das war die ehrlichste Antwort des Tages.

Die ersten zwanzig Minuten haben nichts ergeben

Wenn fünf Menschen in einen Raum kommen, in dem eine Kamera steht, passiert erst einmal Sortierung. Wer steht neben wem, wer hält wen, wer will nicht nach vorne. Ich habe in dieser Zeit nichts fotografiert, sondern Stühle gerückt und erklärt, dass wir mit der Aufnahme warten, bis alle sitzen. Das ist keine Höflichkeit, sondern Technik: Eine Gruppe, die noch am Verteilen ist, sieht im Bild genau so aus.

Der erste brauchbare Moment kam, als dem Vater die Aktentasche umfiel. Die Grossmutter hat gelacht, die Enkelin auch, und für ungefähr drei Sekunden war die Aufstellung vergessen. Man sieht dem zweiten Bild der Serie an, dass es in diesem Moment entstanden ist, obwohl niemand in die Kamera schaut.

Hände erzählen mehr als Gesichter

Zwischen dem zweiten und dem dritten Bild sind ungefähr vierzig Minuten vergangen. In dieser Zeit habe ich die Gruppe in Ruhe gelassen und nur die Hände fotografiert. Die Grossmutter hielt die Hand ihrer Enkelin auf der Stuhllehne, ohne darüber nachzudenken. Es gibt an dieser Stelle einen Unterschied von fünfzig Jahren und eine Pflasterwunde am Finger des Mädchens, und mehr braucht dieses Bild nicht zu erklären.

Als ich später gefragt habe, ob ich die Grossmutter einzeln aufnehmen darf, hat sie zuerst abgelehnt. Ihre Begründung war, sie sei kein Motiv. Ich habe geantwortet, dass ich die Aufnahme nicht für eine Zeitschrift mache, sondern für ihre Enkel, und dass sie sie später nicht mehr machen lassen kann. Danach hat sie sich hingesetzt und mich nicht mehr angesehen. Das Einzelporträt im Profil ist das vierte Bild der Serie und brauchte genau eine Aufnahme.

Am Ende sitzt die Gruppe von selbst

Die Schlussaufnahme ist nach zwei Stunden entstanden, ohne dass ich etwas angeordnet hätte. Der Junge lag auf dem Boden, der Vater sass auf der Stuhlkante, die Grossmutter in der Mitte, und die beiden Frauen standen halb hinter der Bank. Vier von fünf schauen sich gegenseitig an statt in die Kamera. Wenn man eine Gruppe so fotografiert, muss man aufhören, sobald es sitzt, denn jede weitere Minute bringt die Selbstwahrnehmung zurück.

Ausgeliefert haben wir vierzehn Bilder. Die Grossmutter hat sich einen Abzug in 30 mal 40 Zentimetern bestellt und ihn neben das Telefon gehängt. Im Januar kam eine kurze Nachricht der Tochter: Das Bild hänge jetzt im Wohnzimmer, und die Oma habe es allen Besuchern erklärt.

Bildstrecke

Fünf Aufnahmen aus einem Nachmittag

Von der Ankunft bis zur lockeren Totale. Man sieht der Gruppe an, dass niemand etwas vortragen musste.

  1. Ankunft. Jacken aus, Stühle rücken, niemand steht da, wo er später stehen wird. Foto: Arnold Hahn
  2. Irgendetwas ist gefallen. Drei Sekunden später sitzt die Gruppe. Foto: Arnold Hahn
  3. Zwei Hände, fünfzig Jahre Abstand. Das habe ich nicht gestellt. Foto: Arnold Hahn
  4. Die Grossmutter, einzeln. Sie wollte zuerst nicht, dann doch. Foto: Arnold Hahn
  5. Am Ende sitzt die Gruppe so, wie sie von selbst sitzt. Keine einheitliche Kleidung, kein Befehl. Foto: Arnold Hahn
Kleine Bleistiftzeichnung eines Kontaktbogens mit mehreren kleinen Bildfeldern.

Sechs Bilder, die zusammen mehr sagen als jedes einzeln.

Nachweise