Über das Studio

Ich schaue zuerst, wo das Licht herkommt.

Meistens ist es ein Fenster, manchmal eine weisse Wand, die den Nachmittag zurückwirft. Alles andere ergibt sich danach.

Arnold Hahn sitzt auf einem Holzstuhl neben einem hohen Studiofenster, dunkelblaues Leinenhemd, ruhiger Blick in die Kamera.
Arnold Hahn im Studio an der Alt-Fechenheim 79, aufgenommen am späten Vormittag. Foto: Fotostudio Arnolds

Ich habe 2004 angefangen, in einem Hinterhaus in Alt-Fechenheim zu fotografieren. Damals war das eine Werkstatt mit einem Wasserschaden und zwei Fenstern, durch die man den ganzen Tag arbeiten konnte, ohne dass sich das Licht gross veränderte. Ich habe die Fenster behalten und fast alles andere später ausgetauscht.

Vorher habe ich sieben Jahre in einem Kopierstudio für Werbeagenturen gearbeitet. Das war eine gute Schule für Technik und eine schlechte für Menschen. Wir haben damals gelernt, jede Hautunreinheit wegzurechnen und jede Falte zu glätten, bis die Gesichter aussahen wie aus Kunststoff. Irgendwann habe ich aufgehört, meinen eigenen Ausdruck wiederzuerkennen, und das lag nicht nur an den Bildern der anderen.

Seither fotografiere ich langsamer. Ein Porträttermin dauert bei mir zwei bis drei Stunden, und in den ersten zwanzig Minuten passiert nichts, was man zeigen könnte. Wir sitzen da, trinken Wasser, und ich erkläre, wie es weitergeht. Das ist kein Trick. Wer weiss, was gleich passiert, hört auf, sich zu positionieren.

Vor der Kamera muss niemand wissen, wie man steht. Wir trinken ein Glas Wasser, sprechen über den Weg hierher, und irgendwann sitzt die Schulter tiefer. Dann fange ich an.

Kleine Bleistiftzeichnung von Lichtstrahlen, die durch ein Fenster auf den Boden fallen.

Licht ist keine Ausstattung. Es ist der Grund, warum ein Raum funktioniert.

Drei Dinge, an die ich mich halte

Erstens: Ich warte auf das Licht.

Es gibt Kolleginnen und Kollegen, die jede Tageszeit mit drei Softboxen in dieselbe gleichmässige Helligkeit verwandeln. Das ist handwerklich beeindruckend und erzählt nichts über den Ort. Wenn ich in Ihre Werkstatt komme, will ich wissen, wie es dort um zehn Uhr morgens aussieht und wie um vier. Das ist der Unterschied zwischen einem Bild, das an diesem Ort entstanden ist, und einem, das überall hätte entstehen können.

Zweitens: Die ersten fünf Minuten sind immer peinlich.

Niemand steht gern vor einer Kamera. Dieses Unbehagen ist keine Störung, die man wegmoderieren müsste, sondern der Rohstoff. Wer es überspielt, bekommt ein glattes Bild. Wer es aushält, bekommt ein ehrliches. Meine Aufgabe ist es, die Zeit dafür bereitzustellen.

Drittens: Ich zeige, was da ist.

Keine weggerechneten Werkzeugspuren, keine aufgeräumte Werkbank, die im Alltag anders aussieht. Kratzer, Staub und abgegriffene Kanten sind Belege dafür, dass irgendwo tatsächlich gearbeitet wird. Ein Betrieb, der seine eigenen Gebrauchsspuren zeigt, wirkt nicht nachlässig. Er wirkt glaubwürdig.

Alt-Fechenheim

Der Raum

Zwei Fenster, ein Holzfussboden, zwei Tische. Zwischen Mainbogen und Industriehallen, drei Minuten von der Endstation der Linie 11.

Das Studio liegt im ersten Stock eines ehemaligen Werkstattgebäudes. Die Fenster gehen nach Norden und Osten, deshalb gibt es hier keinen Sonneneinfall, der um elf Uhr alles überstrahlt und um zwei Uhr wieder verschwindet. Das Licht bleibt über den ganzen Tag brauchbar, und das ist der eigentliche Grund, warum wir hier sind.

Der Boden ist aus Kiefer und knarrt an drei Stellen. An der Wand steht ein Regal mit Andrucken aus zwanzig Jahren; wer möchte, darf darin blättern, während wir auf das richtige Licht warten. Es gibt Kaffee, und es gibt keinen Empfangsbereich mit Hochglanzbroschüren.

Draussen ist Fechenheim kein aufgeräumtes Viertel. Gegenüber liegt eine stillgelegte Halle, ein paar Häuser weiter wird Metall verarbeitet. Für Porträts ist das ein Vorteil: Wer aus dem Fenster schaut, sieht eine echte Stadt und keine Kulisse.

Nahaufnahme auf dem Studiotisch: geöffnete Kamera, Objektiv, Staubpinsel, Kontaktbogen und ein Bleistift neben einer Tasse Kaffee.
Werkzeug und Andrucke auf dem Tisch. Alles liegt in Reichweite, nichts ist dekoriert. Foto: Arnold Hahn

Zusammenarbeit

Wer hier mitarbeitet

Das Studio ist kein Einzelbüro. Wer bei uns anfragt, bekommt je nach Vorhaben unterschiedliche Personen am Tisch, und das ist beabsichtigt.

  • Valerie Schöning hält einen Füller über Proof-Abzügen an einem Studiotisch, dunkelolivfarbener Rollkragenpullover, direkter Blick.

    Valerie Schöning

    Partnerin und Chefredaktion

    Valerie Schöning war zwölf Jahre Kulturjournalistin, bevor sie die Redaktion des Studios übernahm. Sie entscheidet, welche Bilder eine Geschichte tragen und welche nur Platz wegnehmen. Ihre Geduld mit austauschbaren Hochglanzmotiven ist begrenzt, ihre Geduld mit Betrieben, die ihre eigene Wirklichkeit zeigen wollen, sehr groß.

  • Lukas Lindemann steht an einem grossen Sprossenfenster, davor die Backsteinfassade eines Industriegebäudes, kühles Tageslicht.

    Lukas Lindemann

    Partner, Architektur und Dokumentation

    Lukas Lindemann fotografiert Gebäude, Werkhallen und die Flächen dazwischen. Bevor er eine Kamera auspackt, läuft er ein Haus zweimal ab und notiert, wann welches Fenster welches Licht liefert. Er arbeitet im Frankfurter Osten, weil dort die Ziegel ehrlich gealtert sind und die Räume noch Widerstand leisten.

  • Mira Al-Mansoor sitzt an einem offenen Holzschreibtisch, terrakottafarbene Leinenjacke über ivory Bluse, aufmerksamer freundlicher Ausdruck.

    Mira Al-Mansoor

    Partnerin, Medienethik und Barrierefreiheit

    Mira Al-Mansoor berät Betriebe zu Bildrechten, Einwilligung und barrierefreier Bildsprache. Sie übersetzt Paragrafen in Handgriffe, die man sich merken kann. Ihr Ausgangspunkt ist selten das Gesetz, sondern die Frage, wie sich eine Person fühlt, wenn ihr Bild zwei Jahre später in einem Zusammenhang auftaucht, den sie nicht kannte.

  • Ein aufgeschlagenes Einwilligungsformular auf einem Schreibtisch, daneben ein Kugelschreiber und eine Hand, die das Blatt zurechtrückt.

    Redaktion und Archiv

    Fotostudio Arnolds Team

    Jede Serie wird bei uns zweimal gesichtet: einmal von der Person, die fotografiert hat, und einmal von jemandem, der nicht dabei war. Wer eine Aufnahme nicht erklären kann, ohne sie zu zeigen, nimmt sie aus der Auswahl.

Im Studio

  1. Das Studio am Vormittag. Nord- und Ostfenster, zwei Holztische, viel Boden. Foto: Arnold Hahn
  2. Vier Hundertstel. Wer hier steht, hört am Klang, ob der Schnitt stimmt. Foto: Arnold Hahn & Valerie Schöning
  3. Zwölf Aufnahmen, zwei angekreuzt. Die Auswahl entsteht durch Weglassen. Foto: Fotostudio Arnolds

Kommen Sie vorbei

Das Studio liegt an der Alt-Fechenheim 79, im ersten Stock. Termine machen wir nach Vereinbarung, damit niemand in eine laufende Sitzung hineinplatzt. Ein Anruf oder eine kurze Nachricht genügt.

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