Über eine Frage, die fast alle stellen

Was mache ich mit meinen Händen?

Arnold Hahn5 Min.

Über eine Frage, die fast alle stellen

Was mache ich mit meinen Händen?

Eine praktische Notiz für Menschen, die vor einem Porträttermin lieber irgendwo anders wären.

5 Minuten Lesezeit Für Menschen


Es ist die häufigste Frage, die ich in zwanzig Jahren gehört habe, und sie kommt immer in derselben Reihenfolge. Zuerst wird gefragt, was man anziehen soll. Danach, ob man lachen muss. Und dann, meistens nach einer kurzen Pause, kommt sie: Und was mache ich mit meinen Händen?

Ich habe lange versucht, darauf eine kluge Antwort zu geben. Inzwischen sage ich einfach: Nichts. Und dann warte ich, weil ich weiss, dass die nächste Frage kommt. Nichts geht nicht, sagen die Menschen dann, und sie haben recht. Nichts ist keine Haltung, sondern eine Anweisung, die im Kopf hängen bleibt. Wer sich vornimmt, mit den Händen nichts zu tun, denkt von da an nur noch an seine Hände.

Warum die Frage überhaupt entsteht

Hände sind das ehrlichste Körperteil in einem Porträt. Das Gesicht können die meisten einigermassen kontrollieren, weil sie es täglich im Spiegel sehen. Die Hände sehen sie selten, und deshalb verraten sie mehr, als den Beteiligten lieb ist. Wer angespannt ist, presst die Finger zusammen oder legt sie flach auf die Oberschenkel, als müsste er sie festhalten.

Dazu kommt ein zweites Problem, das weniger mit den Händen als mit der Lichtführung zu tun hat. Wenn eine Hand im Schatten liegt und die andere im Licht, sieht man den Unterschied sofort, und bei ungünstigem Stand entstehen Schattenflecken, die wie Fehler wirken. Wer sich dafür interessiert, wie Tageslicht im Raum arbeitet, findet die Grundlagen unter Licht im Raum.

Dazu kommt ein zweites Problem. In den meisten Ratgebern steht, man solle die Hände beschäftigt halten. Also hält jemand eine Kaffeetasse, die er nicht trinken will, oder legt eine Hand an die Halskette, die er sonst nie anfasst. Das Ergebnis sieht man den Bildern an: Die Gegenstände sind Requisiten, und Requisiten gehören ins Theater.

Vier Antworten, die funktionieren

Die erste und einfachste: eine Tasse in beide Hände nehmen. Nicht weil eine Tasse ein schönes Motiv ist, sondern weil sie eine tatsächliche Aufgabe stellt. Beide Hände haben etwas zu tun, und das reicht dem Kopf schon, um aufzuhören, sich zu fragen, wo sie hingehören. Ich habe in den letzten Jahren mehr Menschen mit einer Keramiktasse fotografiert als mit jeder anderen Requisite.

Die zweite: Etwas anfassen, das schon da ist. Die Stuhllehne, die Tischkante, ein Notizbuch, das tatsächlich benutzt wird. Wichtig ist, dass der Gegenstand vorher im Raum war und nicht für die Aufnahme herbeigeholt wurde.

Die dritte: Die Hände in Bewegung lassen. Ich mache das inzwischen so, dass wir während der Aufnahme weiterreden. Wer erzählt, gestikuliert irgendwann von selbst, und eine Hand in einer halbfertigen Bewegung ist brauchbarer als jede geplante Position. Der Moment, in dem beide Hände still liegen, ist selten der beste.

Die vierte Antwort ist die unbequemste: einfach sitzen lassen und eine Zeit lang darauf warten, dass es sich von selbst löst. Das dauert in der Regel keine zwei Minuten. Wer so lange durchhält, bekommt Hände, die tatsächlich entspannt sind, und nicht solche, die eine Entspannung darstellen.

In Betrieben ist die Sache übrigens komplizierter als im Studio, weil dort zwölf Menschen an einem Tag durch dieselbe Ecke müssen und niemand Zeit für zwei Minuten Warten hat. Wie man diesen Tag trotzdem so organisiert, dass die Hände am Ende nicht bei allen gleich liegen, steht unter Mitarbeiterporträts planen.

Was man nicht tun sollte

Versuchen Sie nicht, die Hände zu verstecken. Weder hinter dem Rücken noch unter dem Tisch noch hinter einer anderen Person. Verdeckte Hände wirken in einem Porträt wie eine Amputation, und sie ziehen die Aufmerksamkeit stärker auf sich als jede sichtbare Hand. Das gilt besonders für Gruppenaufnahmen, bei denen sich gern alle hintereinander stellen, weil niemand vorne stehen möchte. Am Ende sieht es aus, als hätte die Familie nur vier Hände.

Ein verwandter Fehler ist der zu enge Ausschnitt. Wenn der Bildrand direkt an den Oberarmen endet, wirken die Hände abgeschnitten und die ganze Aufnahme angestrengt. Wie man den Ausschnitt so legt, dass ein Porträt atmet, habe ich unter Was der Bildrand verändert ausführlich beschrieben.

Vermeiden Sie ausserdem, die Hände vor dem Bauch zu verschränken. Es ist die Position, die in Bewerbungsfotos seit dreissig Jahren immer wieder auftaucht, und sie signalisiert vor allem, dass jemand eine Anweisung befolgt hat. Dasselbe gilt für die Hände in den Hosentaschen. Beides ist nicht verboten, aber es sind die Bilder, die ich am Ende am häufigsten aussortiere.

Was das für den Termin bedeutet

Für den Ablauf heisst das: Sie müssen sich um Ihre Hände nicht kümmern. Ich achte darauf, und wenn eine Position nicht funktioniert, sage ich es. Das ist Teil meiner Arbeit und nicht Ihre Aufgabe. Sie sitzen da, wir reden, und irgendwann liegen die Hände irgendwo, ohne dass es jemand entschieden hat.

Wer trotzdem vorher etwas üben möchte, dem empfehle ich eine einzige Übung. Setzen Sie sich zu Hause an einen Tisch, nehmen Sie eine Tasse in beide Hände und bleiben Sie so sitzen, bis es sich normal anfühlt. Das dauert meistens eine knappe Minute. Was danach kommt, ist genau der Zustand, auf den es ankommt.

Wenn die Handfrage geklärt ist, bleiben zwei weitere Punkte, die vor einem Termin tatsächlich wichtig sind: welche Kleidung mitkommt und wann man besser eine Pause einlegt. Beides steht in der Checkliste zur Vorbereitung, die ich gemeinsam mit Mira Al-Mansoor geschrieben habe. Wer wissen will, was vor dem Termin sonst noch hilft, findet im Beitrag über den Anfang vor der Kamera die ausführlichere Fassung.

Wer eine ganze Serie mit unterschiedlichen Handpositionen plant, sollte sich ausserdem klarmachen, dass die Wirkung nicht in jedem Bild gleich sein muss. Eine Serie darf und soll Unterschiede zeigen, sonst wirkt sie wie eine Auswahl aus einem Automaten. Warum das so ist, steht unter Warum eine Bildserie mehr erzählt.

Wer sehen möchte, wie das in der Praxis aussieht, findet unter Arbeiten die Serie über eine Buchgestalterin, die während des Termins ein Notizbuch in beiden Händen hielt und darüber ihre Anspannung vergass.

Zum Schluss der Hinweis, der in fast keinem Ratgeber steht. Wenn Sie sich während der Aufnahme unwohl fühlen, sagen Sie es. Ein Satz genügt, und wir machen eine Pause oder ändern die Position. Es gibt keinen Grund, zwei Stunden lang auszuhalten, denn genau dieses Aushalten sieht man später im Bild. Wer die eigene Anspannung bemerkt und anspricht, hat sie schon halb verloren.

Arnold Hahn

Arnold Hahn hat 2004 ein Hinterhaus in Alt-Fechenheim bezogen und dort ein Studio eingerichtet, das bis heute vor allem aus Nordlicht, zwei Holztischen und viel Boden besteht. Er fotografiert Menschen, Arbeitsorte und Werkstätten, meistens mit einer Kamera, die er seit fünfzehn Jahren benutzt. Vor der Aufnahme spricht er länger als viele Kolleginnen und Kollegen für nötig halten.

„Ich schaue zuerst, wo das Licht herkommt. Meistens ist es ein Fenster, manchmal eine weiße Wand, die den Nachmittag zurückwirft.“