Zwei Personen sitzen sich an einem Holztisch gegenüber, dazwischen liegen zwei Wassergläser, die Kamera steht unangetastet auf dem Stativ daneben.

Über die Zeit vor der Aufnahme

Ein gutes Porträt beginnt vor der Kamera

Arnold Hahn5 Min.

Über die Zeit vor der Aufnahme

Ein gutes Porträt beginnt vor der Kamera

Warum ein Gespräch, ein Ort und ein wenig Zeit oft mehr verändern als eine perfekte Pose.

5 Minuten Lesezeit Für Menschen und Betriebe


Es gibt ein Foto von mir, das ich nicht ausstehen kann. Es hängt im Flur meiner Eltern, aufgenommen 1988 in einem Kaufhausstudio an der Zeil, und ich trage darauf einen Rollkragenpullover, den ich gehasst habe. Das Bild ist technisch einwandfrei. Der Hintergrund ist neutral, das Licht ist gleichmässig, und meine Mutter war damals sehr zufrieden. Ich sehe darauf aus wie ein Junge, der darauf wartet, dass etwas vorbei ist.

Dieses Bild hat mir später mehr über Porträtfotografie beigebracht als jede Ausbildung. Was daran fehlt, ist nicht Sorgfalt, sondern Zeit. Der Fotograf hat damals ganze vier Minuten mit mir verbracht, davon drei mit der Einstellung der Kamera. Ich hatte keine Gelegenheit, mich an den Raum zu gewöhnen, und er hatte keine Gelegenheit, irgendetwas über mich zu erfahren. Wir haben beide unsere Arbeit gemacht.

Was in den ersten zwanzig Minuten passiert

Wenn heute jemand ins Studio kommt, steht die Kamera auf dem Stativ am Rand und ist ausgeschaltet. Wir setzen uns an den Tisch, und ich erkläre den Ablauf: wie lange es dauert, was wir machen, wann es Pausen gibt. Das klingt nach Formalität, ist aber das Gegenteil. Wer weiss, was gleich passiert, muss nicht mehr darüber nachdenken und fängt an, sich im Raum zu bewegen wie ein Mensch statt wie ein Motiv.

In diesen zwanzig Minuten passiert etwas, das sich schwer beschreiben lässt. Die Stimme wird leiser. Die Füsse stellen sich anders hin. Irgendwann rutscht eine Schulter nach unten, meistens die rechte. Ich habe aufgehört, in diesem Moment schon zu fotografieren, weil ich sonst genau die Anspannung festhalten würde, die gerade verschwindet.

Es gibt eine Würdigung Anton Corbijns in der ZEIT, in der derselbe Gedanke von der anderen Seite beschrieben wird: dass die Aufnahme der letzte Schritt einer Begegnung ist und nicht ihr Zweck. Das ist keine Esoterik, sondern eine Arbeitsentscheidung mit Konsequenzen für den Terminplan, denn sie kostet Zeit, die man nicht zurückbekommt.

Der Raum arbeitet mit

Ich fotografiere fast ausschliesslich bei Tageslicht. Nicht aus Prinzipienstrenge, sondern weil Licht, das durch ein Fenster kommt, eine Richtung hat. Es fällt auf eine Seite des Gesichts, lässt die andere weicher und erzählt dadurch etwas über den Ort, an dem jemand sitzt. Wer mehr darüber wissen will, wie stark die Himmelsrichtung eines Fensters ein Bild verändert, findet die Einzelheiten unter Licht im Raum.

Wer einen Raum betritt, verhält sich darin anders. Aus diesem Grund gehe ich für betriebliche Aufträge vorher einmal ohne Kamera durch die Werkstatt. Ich schaue, wo gearbeitet wird, wie die Wege verlaufen und wann welches Fenster brauchbares Licht liefert. Die Kolleginnen und Kollegen aus der Raumfotografie machen das seit Jahren so, und ich habe es von ihnen gelernt statt umgekehrt.

Wie viel von diesem Ort im Bild bleiben darf und wie viel man wegschneiden muss, ist eine eigene Entscheidung. Ich habe darüber unter Was der Bildrand verändert geschrieben, weil ich lange zu viel ins Bild genommen habe.

Für private Porträts gilt dasselbe im Kleinen. Wenn jemand im Studio zuerst eine halbe Stunde am Tisch sitzt und danach an ein Fenster rückt, ist das ein anderer Mensch als der, der direkt vor die Wand gestellt wird. Der Unterschied liegt nicht im Gesichtsausdruck. Er liegt darin, dass die Person den Raum inzwischen kennt und deshalb aufhört, ihn zu prüfen.

Der erste Auslöser ist ein Angebot

Ich sage den Menschen, die bei mir sitzen, immer denselben Satz: Die ersten Bilder werden nichts. Das stimmt nicht ganz, aber es nimmt den Druck weg. Wer glaubt, dass ab jetzt jeder Auslöser zählt, macht aus jeder Bewegung eine Prüfung. Erlaubt man ihm stattdessen, am Anfang zu experimentieren, kommt die Ruhe von selbst.

Die häufigste Frage in dieser Phase kommt übrigens nicht von Betrieben, sondern von Einzelpersonen, und sie lautet immer gleich. Ich habe sie unter Was mache ich mit meinen Händen? beantwortet, weil sie fast jeden beschäftigt und erstaunlich wenig mit Fotografie zu tun hat.

Genau hier scheitern die meisten Mitarbeiterporträts in Betrieben. Ein Terminplan mit zwölf Personen, jede bekommt acht Minuten, und alle Beteiligten wissen, dass es acht Minuten sind. Das Ergebnis hängt später im Intranet und sieht aus wie ein Ausweislichtbild mit grauem Hintergrund. Wer mehr Zeit einplant, bekommt nicht nur bessere Bilder, sondern braucht am Ende weniger Auswahlarbeit, weil die Trefferquote steigt. Wie man diesen Tag organisiert, ohne dass jemand eine Theaterrolle spielen muss, steht unter Mitarbeiterporträts planen.

Wer dagegen glaubt, das Problem liesse sich mit einer besseren Bilddatenbank lösen, landet bei genau den Aufnahmen, die ich unter Unternehmensfotos, die nach Unternehmen aussehen beschreibe. Geliehene Motive lösen kein echtes Problem.

Was das für die Planung bedeutet

Wenn Sie ein Porträt vorhaben, planen Sie zwei bis drei Stunden ein und bringen Sie zwei oder drei Oberteile mit. Mehr Vorbereitung braucht es nicht. Wer unsicher ist, was in die Tasche gehört, liest vorher die ruhige Checkliste zur Vorbereitung; sie ist bewusst kurz gehalten. Wenn Sie einen Betrieb fotografieren lassen wollen, klären Sie vorher, wer im Bild sein möchte und wer nicht, und sagen Sie uns, wo die Fotos später stehen werden. Diese drei Angaben verändern das Ergebnis stärker als die Wahl der Kamera.

Was danach kommt, ist Handwerk. Die Aufnahme selbst dauert nur einen Bruchteil des Termins, und wenn die Zeit davor richtig verbracht wurde, muss man nicht mehr viel entscheiden. Man schaut, wartet, und löst irgendwann aus. Der Rest ist Auswahl.

Eine Auswahl ist allerdings mehr als die Summe ihrer Einzelbilder. Warum eine Serie anders wirkt als ein einzelnes starkes Foto, habe ich gemeinsam mit Valerie Schöning unter Warum eine Bildserie mehr erzählt aufgeschrieben.

Zwei praktische Punkte zum Schluss, weil sie häufig unterschätzt werden. Erstens: Fragen Sie nicht, ob Sie gut aussehen. Die Frage verschiebt die Aufmerksamkeit auf eine Bewertung, die im Termin nichts zu suchen hat. Zweitens: Sagen Sie, wenn Sie eine Pause brauchen. Ein Termin, in dem jemand zwei Stunden lang durchhält und dabei langsam müde aussieht, ergibt schlechtere Bilder als einer mit einer Viertelstunde Unterbrechung.

Wer wissen möchte, wie so ein Nachmittag konkret aussieht, findet unter Arbeiten die Serie über eine Buchgestalterin, die mir am Telefon gesagt hat, sie hasse es, fotografiert zu werden. Sie war nach drei Stunden die Ruhigste im Raum.

Arnold Hahn

Arnold Hahn hat 2004 ein Hinterhaus in Alt-Fechenheim bezogen und dort ein Studio eingerichtet, das bis heute vor allem aus Nordlicht, zwei Holztischen und viel Boden besteht. Er fotografiert Menschen, Arbeitsorte und Werkstätten, meistens mit einer Kamera, die er seit fünfzehn Jahren benutzt. Vor der Aufnahme spricht er länger als viele Kolleginnen und Kollegen für nötig halten.

„Ich schaue zuerst, wo das Licht herkommt. Meistens ist es ein Fenster, manchmal eine weiße Wand, die den Nachmittag zurückwirft.“