Über das, was draussen bleibt
Was der Bildrand verändert
Lukas Lindemann6 Min.
Über das, was draussen bleibt
Was der Bildrand verändert
Komposition und Bildausschnitt: Wie der Raum um ein Motiv darüber entscheidet, ob ein Bild atmet oder einengt.
Beschneiden ist kein Aufräumen. Es ist die Entscheidung darüber, was ein Betrachter über die Welt ausserhalb des Bildes verstehen darf. Wer ein Foto eng schneidet, behauptet, dass nichts weiter existiert. Wer es weit schneidet, behauptet das Gegenteil, und beides ist eine Aussage über den Ort.
Ich habe lange zu viel ins Bild genommen. Das ist ein typischer Fehler am Anfang: Man fürchtet, etwas zu verpassen, und drückt deshalb ab, sobald alles drauf ist. Nach zehn Jahren Architekturfotografie habe ich gelernt, dass die Entscheidung in die andere Richtung geht. Nicht was muss drauf, sondern was darf weg.
Der Randabstand entscheidet über die Wirkung
Ein Motiv braucht Luft. Das ist die einfachste Regel und die am häufigsten verletzte. Wenn ein Kopf oben im Bild direkt am Rand klebt, wirkt die Aufnahme angestrengt, unabhängig davon, wie gut das Licht ist. Wenn unter den Füssen kein Boden bleibt, sieht die Person aus, als würde sie schweben.
Die praktische Faustregel: Lassen Sie über einem stehenden Menschen etwa ein Achtel der Bildhöhe frei, unter ihm etwas weniger. Bei Porträts ist der Abstand über dem Kopf wichtiger als der unter dem Kinn, weil das Auge zuerst nach oben wandert. Bei Gebäuden gilt das Gegenteil: Unten braucht es mehr Raum, weil der Betrachter sonst das Gefühl bekommt, das Haus kippe nach vorne.
Für Gruppenaufnahmen ist der Randabstand der Grund, warum Aufstellungen scheitern. Fünf Personen nebeneinander in einem Querformat brauchen so viel Breite, dass oben und unten fast nichts übrig bleibt. Das Ergebnis sieht aus wie ein Fries. Wer die Gruppe stattdessen in die Tiefe staffelt, gewinnt Höhe und verliert nichts.
Der Fluchtpunkt ist ein Werkzeug
In der Architekturfotografie gibt es zwei grundsätzlich verschiedene Aufnahmen, und sie unterscheiden sich nur durch den Standort der Kamera. Die erste ist die frontale Ansicht: Die Kamera steht parallel zur Fassade, die Vertikalen bleiben parallel, das Gebäude wirkt ruhig und dokumentarisch. Die zweite ist die perspektivische Ansicht: Die Kamera steht schräg, die Linien laufen auf einen Fluchtpunkt zu, das Gebäude wirkt räumlich und dynamisch.
Beide sind richtig, aber sie erzählen unterschiedliche Dinge. Die frontale Ansicht sagt: So sieht das Haus aus. Die perspektivische sagt: So steht das Haus im Raum. Für eine Dokumentation braucht man in der Regel beide, und zwar nebeneinander, weil sie sich gegenseitig erklären.
Was man vermeiden sollte, ist der halbe Weg. Eine Kamera, die leicht schräg steht und deren Vertikalen leicht konvergieren, wirkt wie ein Versehen und nicht wie eine Entscheidung. Entweder man korrigiert die Vertikalen vollständig, oder man geht deutlich in die Perspektive.
Dasselbe Prinzip gilt für Porträts im Raum. Eine Person, die genau in der Mitte sitzt, ist eine Behauptung über Symmetrie und funktioniert nur, wenn der Raum symmetrisch ist. Die meisten Räume sind es nicht, und dann wirkt die mittige Person wie ein Fremdkörper.
Was draussen bleibt, arbeitet mit
Der wichtigste Teil eines Bildes ist der, den man nicht sieht. Ein Porträt, bei dem eine Hand am Rand angeschnitten ist, erzählt von einer Bewegung, die gerade stattfindet. Eine Aufnahme, bei der ein Stück Fensterrahmen ins Bild ragt, verrät die Lichtquelle, ohne sie zu zeigen.
Ich nutze das bewusst. Bei der Serie über einen Arbeitsbereich in einer sanierten Halle habe ich die Ziegelwand absichtlich so angeschnitten, dass sie links aus dem Bild läuft. Der Betrachter sieht, dass der Raum weitergeht, und bekommt dadurch ein Gefühl für die Grösse, das eine vollständige Aufnahme nicht vermittelt hätte.
Für Website-Bilder ist das besonders nützlich, weil Bildflächen selten die Proportionen haben, in denen fotografiert wurde. Ein Bild mit klar definiertem Rand funktioniert in jedem Format, eines mit Motiv bis an alle vier Kanten zerbricht beim ersten Beschnitt.
Wer einen Betrieb fotografieren lässt, sollte diese Entscheidung vorher besprechen und nicht hinterher bedauern. Wie man die Formate ermittelt, die tatsächlich gebraucht werden, steht unter Bilder für die Unternehmenswebsite auswählen. Dass ein Ausschnitt allein noch keine Bildsprache ergibt, steht unter Unternehmensfotos, die nach Unternehmen aussehen.
Das Verhältnis von Motiv zu Fläche
Es gibt einen Zahlenwert, den ich beim Betrachten von Bildern ständig im Kopf habe, ohne ihn je ausgerechnet zu haben. Er beschreibt, wie viel Fläche das Motiv einnimmt. Bei einem Porträt liegt er gefühlt zwischen einem Drittel und der Hälfte. Bei einem Arbeitsplatz ist es weniger. Bei einer leeren Halle fast nichts.
Wenn dieser Wert in einer Serie stark schwankt, wirkt die Serie unruhig. Deshalb achte ich beim Aufbau einer Bildstrecke darauf, dass auf eine nahe Aufnahme eine weitere folgt und nicht drei nahe hintereinander. Das ist derselbe Rhythmus, den man aus Büchern kennt: Ein Absatz mit einem Satz ist wirkungsvoll, drei hintereinander sind ein Gestaltungfehler.
Für die Auswahl einer Serie heisst das: Prüfen Sie nicht nur jedes Bild einzeln, sondern die Abfolge. Wie das geht, steht unter Bilder für die Unternehmenswebsite auswählen. Und warum eine Serie überhaupt mehr leistet als die Summe ihrer Teile, steht unter Warum eine Bildserie mehr erzählt.
Der Beschnitt ist kein Verlust
Ein häufiger Einwand lautet, man verliere Information, wenn man beschneidet. Das ist richtig und trotzdem kein Argument. Jedes Foto verliert Information, schon beim Auslösen, denn die Welt vor der Kamera ist grösser als der Sensor. Die Frage ist nicht, ob man weglässt, sondern ob man es absichtlich tut.
Was ich nicht mache, ist das nachträgliche Zuschneiden als Rettungsmassnahme. Wenn ein Bild im Sucher nicht funktioniert hat, wird es durch einen engeren Beschnitt meistens nicht besser, sondern nur kleiner. Ein guter Beschnitt entsteht während der Aufnahme, wenn man weiss, wo der Rand liegen soll.
Für Auftraggeber hat das eine praktische Konsequenz. Wenn Sie eine Aufnahme brauchen, die in einem sehr breiten Format erscheinen soll, sagen Sie es vorher. Wir fotografieren dann mit entsprechend viel Rand und liefern ein Bild, das sich beschneiden lässt. Nachträglich aus einer normalen Aufnahme ein Panorama zu machen, geht fast immer schief.
Was das für Porträts bedeutet
Beim Porträt ist der Bildrand die Grenze zwischen einer Person und ihrer Umgebung. Ein enges Porträt isoliert das Gesicht und macht es zum einzigen Inhalt. Ein weites Porträt zeigt die Person in einem Raum und erzählt dadurch mehr über sie.
Beides ist nötig, und die Wahl hängt davon ab, wofür das Bild gedacht ist. Für eine Teamseite funktioniert das engere Porträt, weil dort zwanzig Bilder nebeneinander stehen und jedes für sich erkennbar sein muss. Für eine Über-uns-Seite funktioniert das weitere, weil dort nur ein Bild steht und der Raum mitzählen darf.
Bei Aufträgen im Stadtraum kommt eine zweite Ebene hinzu, weil der Rand dort auch darüber entscheidet, wie viel Stadt im Bild bleibt. Wie man damit arbeitet, steht unter Fotografieren in Fechenheim und Frankfurt. Und wer einen Termin vorbereitet, findet die praktischen Punkte unter Ein Fotoshooting vorbereiten.
Wer wissen möchte, wie ein Porträt überhaupt entsteht und was vor der Aufnahme passiert, findet die Grundlagen unter Ein gutes Porträt beginnt vor der Kamera. Wie das Licht im Raum dabei mitspielt, steht unter Licht im Raum. Und was ein Bild beschreiben soll, wenn es einmal ausgewählt ist, steht unter Alt-Texte für Fotografien.
Lukas Lindemann
Lukas Lindemann fotografiert Gebäude, Werkhallen und die Flächen dazwischen. Bevor er eine Kamera auspackt, läuft er ein Haus zweimal ab und notiert, wann welches Fenster welches Licht liefert. Er arbeitet im Frankfurter Osten, weil dort die Ziegel ehrlich gealtert sind und die Räume noch Widerstand leisten.
„Das diffuse Licht über dem Fluss im November gibt Bildern eine Schwere, die man im Studio mit drei Softboxen vergeblich nachbaut.“