Über Fenster und ihre Folgen
Licht im Raum: Warum ich vor dem Termin zuerst die Fenster anschaue
Lukas Lindemann6 Min.
Über Fenster und ihre Folgen
Licht im Raum: Warum ich vor dem Termin zuerst die Fenster anschaue
Eine praktische Betrachtung von Himmelsrichtung, Reflexion und dem Licht, das ein Raum von sich aus mitbringt.
Bevor ich in einem Gebäude eine Kamera auspacke, gehe ich durch die Räume und schaue mir die Fenster an. Nicht die Aussicht, sondern die Fenster selbst: Himmelsrichtung, Grösse, Brüstungshöhe, Glasart, Sonnenschutz. Diese fünf Angaben entscheiden mehr über das Ergebnis als jede Kameraeinstellung, und sie lassen sich in zehn Minuten ablesen.
Wer einen Termin plant, kann dasselbe tun. Der Aufwand ist gering, und der Unterschied ist erheblich.
Warum die Himmelsrichtung alles bestimmt
Ein Fenster nach Norden liefert den ganzen Tag über weiches, gleichmässiges Licht. Es gibt keinen direkten Sonneneinfall, deshalb entstehen keine harten Schatten und keine Überstrahlung. Für Porträts ist das der beste Fall, und für Innenräume ebenfalls, weil die Helligkeit über Stunden stabil bleibt. Wer ein Nordfenster hat, kann einen Termin auf zehn Uhr legen oder auf drei, ohne dass sich das Ergebnis wesentlich ändert.
Ein Fenster nach Osten liefert zwischen Sonnenaufgang und etwa elf Uhr direktes Licht, danach nur noch indirektes. Das bedeutet: Wer morgens um neun in einem Ostfenster sitzt, hat eine klare Lichtrichtung mit sichtbaren Schatten. Wer um zwei Uhr dort sitzt, hat Nordlicht ohne es zu wissen. Beide Varianten sind brauchbar, aber sie sind nicht austauschbar.
Ein Fenster nach Süden ist in Innenräumen der schwierigste Fall, weil die Sonne hoch steht und über einen langen Zeitraum direkt hereinscheint. Die Folge sind harte Kanten, ausgebrannte Fensterbänke und ein Raum, in dem die Kontraste ständig wechseln. Wer hier arbeiten muss, plant entweder am frühen Morgen oder am späten Nachmittag, oder er hängt etwas vor das Fenster.
Ein Fenster nach Westen schliesslich liefert ab etwa fünfzehn Uhr direktes Licht und davor weiches. Für Porträts ist das ein interessanter Zeitpunkt, weil die Sonne tief steht und das Licht warm und gerichtet ist. Für Architekturaufnahmen ist es oft zu gelb.
Reflexion ist die zweite Hälfte der Wahrheit
Ein Raum wird von den Fenstern beleuchtet und ebenso von den Flächen, die das Licht zurückwerfen. Eine weisse Wand gegenüber einem Fenster verdoppelt die Helligkeit eines Gesichts, ohne dass man eine Lampe aufstellen müsste. Eine dunkle Holzvertäfelung schluckt sie fast vollständig.
In der Praxis heisst das: Wenn Sie bei einem Porträt unzufrieden mit den Schatten sind, brauchen Sie keine zusätzliche Beleuchtung, sondern eine helle Fläche. Ein grosses weisses Blatt Papier, aufgestellt neben der Kamera, verändert mehr als ein Blitzgerät. Ich benutze für solche Fälle einen grauen Karton, den ich zusammenklappe, und eine weisse Schaumstoffplatte, die in jeden Kofferraum passt.
Der zweite Reflexionsfaktor ist der Boden. Ein heller Estrich in einer leeren Halle wirft von unten Licht nach oben und füllt Schatten unter den Augen auf. Ein dunkler Asphaltboden tut das nicht. Deshalb sehen Porträts in leeren Industriehallen oft überraschend weich aus, obwohl die Lichtsituation auf den ersten Blick schwierig wirkt.
Mischlicht ist der häufigste Fehler
Die meisten Innenräume sind nicht mit einer Lichtquelle beleuchtet, sondern mit dreien: Tageslicht aus dem Fenster, Deckenleuchten und irgendeine Bildschirm- oder Monitorfläche. Diese drei haben unterschiedliche Farbtemperaturen, und wenn sie gleichzeitig wirken, entstehen Bilder, auf denen die eine Gesichtshälfte blau und die andere gelb ist.
Die Lösung ist unspektakulär: Deckenlicht aus. Nicht dimmen, sondern ausschalten. Wo das nicht geht, weil in einem Betrieb gearbeitet wird, suchen wir eine Position, in der das Tageslicht überwiegt, und stellen die Kamera so, dass die Leuchtstoffröhre nicht direkt auf die Person scheint. Wenn das auch nicht möglich ist, ist die Aufnahme meistens nicht zu retten, und wir suchen einen anderen Platz.
Für private Termine im Studio gilt: Bei uns bleibt die Deckenleuchte aus, und wenn Sie zu einer Uhrzeit kommen, zu der die Sonne direkt durch das Westfenster fällt, hängen wir für eine halbe Stunde ein Tuch davor. Das ist keine Notlösung, sondern normale Praxis.
Was das für die Planung bedeutet
Wenn Sie ein Porträt bei sich zu Hause oder im Betrieb machen lassen möchten, prüfen Sie vorher zwei Dinge. Erstens: Wo kommt zwischen zehn und sechzehn Uhr Licht herein, und zu welcher Uhrzeit ist es am ruhigsten? Zweitens: Was ist gegenüber von diesem Fenster, eine weisse Wand oder ein dunkler Schrank?
Damit können Sie den Termin selbst festlegen, und das ist besser als jede Beratung am Telefon. Für ein Porträt in einem Wohnzimmer mit Südfenster empfehle ich den Vormittag oder den späten Nachmittag. Für einen Raum mit Nordfenster ist die Uhrzeit fast gleichgültig.
Wer mehr über den Ablauf vor der Aufnahme wissen möchte, findet die Grundlagen unter Ein gutes Porträt beginnt vor der Kamera. Wer einen Betrieb plant, bei dem mehrere Räume und mehrere Tageszeiten zusammenkommen, findet die praktischen Punkte unter Fotografieren in Fechenheim und Frankfurt.
Was daraus für die Auswahl folgt, ist nicht immer angenehm. Zwei Aufnahmen desselben Raums zu unterschiedlichen Tageszeiten wirken wie zwei verschiedene Räume. Die Kriterien dafür stehen unter Bilder für die Unternehmenswebsite auswählen, die grössere Frage nach der Bildsprache eines Betriebs unter Unternehmensfotos, die nach Unternehmen aussehen.
Ein Beispiel aus der Praxis
Im vergangenen Jahr habe ich ein saniertes Backsteingebäude in Fechenheim dokumentiert. Der Bau hat Fenster nach Osten und nach Westen, und die Ostseite bekommt zwischen Viertel vor acht und elf Uhr ein Licht, das sich nicht nachbauen lässt. Konkret bedeutet das: Der Schattenriss des Fensterkreuzes liegt um zwanzig vor neun auf dem Mauerwerk. Um zehn ist er eine Handbreit weiter, um halb elf ist er weg. Wenn man diese Aufnahme machen will, muss man zu dieser Uhrzeit dort sein. Es gibt keinen zweiten Versuch am selben Tag.
Solche Fenster sind der Grund, warum ich Termine nach dem Sonnenstand lege und nicht nach meinem Kalender. Dreimal hintereinander in dasselbe Haus zu fahren ist unbequem. Es bleibt der einzige Weg zu einer Aufnahme, die an diesem Ort entstanden ist und an keinem anderen.
Bei Porträts kommt ein Punkt hinzu, der mit dem Licht nur mittelbar zu tun hat. Wer bei Tageslicht sitzt, hat die Hände sichtbar im Bild, und die Frage, wohin damit, stellt sich dann anders als im Studio mit weichem Kunstlicht. Die Antwort steht unter Was mache ich mit meinen Händen?.
Wenn das Licht nicht reicht
Manchmal reicht es tatsächlich nicht, und dann sollte man das sagen statt zu tricksen. Ein fensterloser Serverraum, ein Kellerlager, eine Besprechung um sieben Uhr abends im Winter: In solchen Fällen gibt es zwei ehrliche Antworten. Entweder man bringt Licht mit und sagt es dem Auftraggeber vorher, oder man fotografiert den Raum so, wie er ist, und akzeptiert, dass das Ergebnis dunkel wird.
Was ich nicht mache, ist der Versuch, einen fensterlosen Raum wie einen Tageslichtraum aussehen zu lassen. Das funktioniert technisch und wirkt trotzdem falsch, weil das Licht aus einer Richtung kommt, in der sich keine Lichtquelle befindet. Betrachter bemerken das nicht bewusst, aber sie bemerken, dass etwas nicht stimmt.
Wie man unter solchen Bedingungen trotzdem eine brauchbare Auswahl trifft, steht unter Bilder für die Unternehmenswebsite auswählen. Und warum sich der Aufwand lohnt, mehrere Aufnahmen desselben Ortes zu unterschiedlichen Zeiten zu machen, steht unter Warum eine Bildserie mehr erzählt. Wie der Ausschnitt das Ergebnis mitbestimmt, steht unter Was der Bildrand verändert. Und was vor einem Termin in die Tasche gehört, steht unter Ein Fotoshooting vorbereiten.
Lukas Lindemann
Lukas Lindemann fotografiert Gebäude, Werkhallen und die Flächen dazwischen. Bevor er eine Kamera auspackt, läuft er ein Haus zweimal ab und notiert, wann welches Fenster welches Licht liefert. Er arbeitet im Frankfurter Osten, weil dort die Ziegel ehrlich gealtert sind und die Räume noch Widerstand leisten.
„Das diffuse Licht über dem Fluss im November gibt Bildern eine Schwere, die man im Studio mit drei Softboxen vergeblich nachbaut.“
