Über die Reduktion auf das Wesentliche

Schwarzweiß ist keine Nostalgie: Warum das Weglassen von Farbe das Sehen schärft

Lukas Lindemann5 Min.

Über die Reduktion auf das Wesentliche

Schwarzweiß ist keine Nostalgie: Warum das Weglassen von Farbe das Sehen schärft

Über das Zusammenspiel von Licht und Schatten im Raum, die Frankfurter Schule von Barbara Klemm und den Grund, warum Grautöne oft mehr Wirklichkeit zeigen als die bunte Oberfläche.

5 Minuten Lesezeit Für Menschen und Unternehmen


Wer heute durch ein Industriegebäude geht, ein Büro betritt oder auf eine belebte Straße blickt, wird von Farben förmlich überschüttet. Da ist das leuchtende Gelb eines Stromkabels auf dem Betonboden, das grelle Rot eines Notausgangsschildes und das kühle Blau einer lackierten Trennwand. Das Auge springt unweigerlich von einem Signal zum nächsten. Es verharrt beim Bunten. Unser Gehirn ist darauf trainiert, grelle Reize vorrangig zu verarbeiten.

Wenn wir im Studio Arbeiten besprechen, kommt gelegentlich die Frage: Warum eigentlich Schwarzweiß? Klingt das nicht nach gestern, nach dem verstaubten Album der Großeltern?

Die Frage ist verständlich. Kaum eine Bildsprache wurde in den vergangenen Jahren so gründlich missverstanden wie die Monochromie. Auf Mobiltelefonen genügt heute ein kurzes Antippen des Displays, um jedes bunte Motiv in Graustufen zu tauchen. Man klebt einen Filter darüber und nennt es Vintage.

Mit handwerklicher Fotografie hat das nichts zu tun. Schwarzweiß ist keine Flucht in die Vergangenheit. Es ist ein Instrument der Analyse. Wer die Farbe weglässt, schaltet das laute Geräusch der Oberfläche ab und legt das eigentliche Gerüst eines Bildes frei.

Der Irrtum vom Abbild der Natur

Hinter der Bevorzugung von Farbe steckt oft ein Denkfehler über die Natur des Bildes. Man hält das Farbfoto für ehrlicher, weil die physische Welt nun einmal farbig ist. Doch Mimesis bedeutet nicht automatisch Erkenntnis.

Der deutsch-amerikanische Wahrnehmungstheoretiker Rudolf Arnheim hat bereits 1932 in seinen medientheoretischen Schriften dargelegt, dass ein Bild erst dort zur eigenständigen Form heranreift, wo es sich von der bloßen mechanischen Naturtreue löst. Ein Foto, das die Welt eins zu eins in allen Farbnuancen verdoppelt, verführt das Auge zur Bequemlichkeit. Man schaut auf die Tönung einer Jacke und vergisst, die Schulterlinie darunter wahrzunehmen.

Vilém Flusser dachte diesen Gedanken noch radikaler zu Ende. Für den Kulturphilosophen war das Schwarzweißfoto schlicht ein Bild von Begriffen. Weder reines Schwarz noch reines Weiß existieren als feste Gegenstände in der Natur; beides sind theoretische Grenzwerte des Lichts. Ein Schwarzweißbild kopiert die Natur daher nicht, sondern übersetzt sie in eine lesbare Ordnung. Es zeigt die Konstruktion der Dinge. Wo Farbe das Auge an das Zufällige bindet, zwingt der Grauwert dazu, Verhältnisse zu begreifen.

Das vorhandene Licht der Frankfurter Schule

Wer in Frankfurt über das Licht und die Reduktion nachdenkt, kommt an Barbara Klemm nicht vorbei. Als Redaktionsfotografin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hat sie über vier Jahrzehnte hinweg das Zeitgeschehen in Bildern festgehalten, die bis heute als Meilensteine deutscher Bildkultur gelten.

Klemms Arbeitsweise folgte einem eisernen Prinzip: Sie verzichtete während ihrer gesamten Laufbahn auf den Einsatz von Blitzgeräten. Ein Blitz tötet das Licht, das ein Raum von sich aus besitzt. Er schafft künstliche Helligkeiten im Vordergrund und lässt die Tiefe dahinter im Schwarz versinken. Stattdessen vertraute sie auf das vorhandene Umgebungslicht, auf kleine Kameras und eine unaufdringliche Gegenwart. Ihr Leitsatz lautete: Schwarzweiß ist Farbe genug.

Dieses Verständnis prägt unsere Arbeit im Frankfurter Osten jeden Tag. Wie das natürliche Tageslicht aus Fenstern einen Raum strukturiert und warum man vor der ersten Aufnahme die Himmelsrichtungen studieren muss, habe ich in Licht im Raum beschrieben. Und wie die Wahl der Kanten darüber entscheidet, ob ein Bild atmet oder einengt, steht unter Was der Bildrand verändert. Schwarzweiß belohnt diese Geduld. Es verlangt nach klaren Kanten und einem Raum, der atmen darf.

Kleine Bleistiftzeichnung von Lichtstrahlen, die durch ein Fenster auf den Boden fallen.

Erst der Schatten verleiht dem Licht seine Gestalt.

Die handwerkliche Disziplin der Grautreppe

Ein gutes Schwarzweißfoto entsteht niemals nachträglich am Computer. Wer ein flaches Farbbild nimmt und den Regler für die Farbsättigung auf Null zieht, erhält selten ein Kunstwerk, sondern meistens eine leblose Masse aus matschigem Mittelgrau.

Das liegt an der Sehphysiologie. Zwei völlig unterschiedliche Farben, etwa ein warmes Ziegelrot und ein sattes Tannengrün, besitzen häufig denselben Helligkeitswert. Im Farbbild trennt der Farbkontrast die beiden Flächen sauber voneinander. Zieht man die Farbe einfach ab, schmelzen beide Töne zu einem einzigen Brei zusammen.

Echtes Schwarzweiß erfordert das Denken im Zonensystem, das Ansel Adams und Fred Archer 1940 formulierten. Es teilt das Spektrum zwischen tiefstem Schwarz und reinstem Weiß in elf Stufen ein. Ein lebendiges Bild braucht ein solides Fundament: Die Schatten in Zone III müssen Textur und Durchzeichnung behalten, während helle Flächen in Zone VII Licht reflektieren, ohne auszufressen. Wer Schwarzweiß fotografiert, komponiert mit Tonwerten, noch bevor der Verschluss klickt.

Was bleibt, wenn das Dekorative weicht

Diese Reduktion entfaltet ihre stärkste Wirkung dort, wo es um Menschen und ihre Arbeit geht. In der Unternehmenskommunikation wird oft versucht, graue Industriehallen oder Werkstätten durch künstlich bunte Beleuchtung aufzuhübschen. Das Ergebnis wirkt fast immer wie eine Kulisse.

Valerie Schöning hat in Unternehmensfotos, die nach Unternehmen aussehen beschrieben, warum ehrliche Dokumentation mehr Vertrauen stiftet als jede Werbegrafik. Eine Werkbank in klarem Schwarzweiß zeigt Metallspäne, Schleifspuren und die Konzentration der Hände. Kein bunter Schraubenziehergriff stiehlt dem Blick die Aufmerksamkeit.

Dasselbe gilt für das Porträt. Wenn wir Menschen vor die Kamera bitten, wie Arnold Hahn in Ein gutes Porträt beginnt vor der Kamera beschreibt, geht es um Nähe und Ruhe. Warum ein lebendiges Gesicht seine Falten braucht und jede künstliche Glättung die Würde raubt, hat Mira Al-Mansoor in Die Grenze der Retusche erklärt. In Schwarzweiß tritt die Plastizität des Gesichts hervor: die Knochenkanten, das Schläfenlicht und der Blick.

Wenn solche Aufnahmen auf schwerem Barytpapier abgezogen werden, wie es Arnold in Das gedruckte Bild darlegt, spürt man den Unterschied zwischen einer schnellen Datei und einem dauerhaften Werk.

Die Geometrie am Main

Wenn ich nachmittags durch die Straßen von Fechenheim gehe, zwischen den alten Industriehallen und dem Ufer des Mains, wie ich es in Fotografieren in Fechenheim und Frankfurt notiert habe, sehe ich Ziegelwände, feuchte Pflastersteine und den Fluss unter einem wolkenverhangenen Herbsthimmel.

Diese Welt braucht keine bunten Filter. Sie verlangt nach Respekt für ihre Formen, nach festen Schatten und nach Licht, das weiß, wo es enden muss. Schwarzweiß ist kein Denkmal für gestern. Es ist die Entscheidung, das Wesentliche festzuhalten, bevor die nächste bunte Welle darüberrollt.

Lukas Lindemann

Lukas Lindemann fotografiert Gebäude, Werkhallen und die Flächen dazwischen. Bevor er eine Kamera auspackt, läuft er ein Haus zweimal ab und notiert, wann welches Fenster welches Licht liefert. Er arbeitet im Frankfurter Osten, weil dort die Ziegel ehrlich gealtert sind und die Räume noch Widerstand leisten.

„Das diffuse Licht über dem Fluss im November gibt Bildern eine Schwere, die man im Studio mit drei Softboxen vergeblich nachbaut.“