Der Mainbogen bei Fechenheim an einem Novembernachmittag, flaches Licht auf dem Wasser, am Ufer Industriegebäude und ein umgestürzter Poller.

Über Orte, die mitreden

Fotografieren in Fechenheim und Frankfurt: Wenn der Ort mit ins Bild kommt

Lukas Lindemann6 Min.

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Fotografieren in Fechenheim und Frankfurt: Wenn der Ort mit ins Bild kommt

Ein Blick auf Flusslauf, Backstein, Industrie und Licht im Frankfurter Osten, ohne den Stadtteil zur Kulisse zu degradieren.

6 Minuten Lesezeit Für Menschen und Unternehmen


Ein Raum ist keine Kulisse; er ist ein Akteur mit eigenem Widerstand. Wer in Fechenheim zwischen Mainbogen und Industriehallen fotografiert, kann den Verkehr auf der Hanauer Landstrasse nicht wegwünschen. Das diffuse Licht über dem Fluss im November gibt Bildern eine Schwere, die man im Studio mit drei Softboxen vergeblich nachbaut.

Ich arbeite seit neun Jahren fast ausschliesslich im Frankfurter Osten. Nicht aus Lokalpatriotismus, sondern weil dieser Stadtteil Eigenschaften hat, die für Fotografie brauchbar sind: eine klare Topografie, eine Mischung aus Wohnen und Produktion auf engem Raum, und Gebäude, die tatsächlich gealtert sind. Die offizielle Beschreibung des Stadtteils findet sich im Stadtteilporträt Fechenheim der Stadt Frankfurt; sie erklärt den Mainbogen und die Industriegeschichte in wenigen Absätzen und ist ein guter Ausgangspunkt.

Drei Schichten, die ein Ort hat

Wer einen Ort fotografiert, arbeitet immer mit drei Schichten, ob er will oder nicht. Die erste ist die Topografie: Wo fliesst der Fluss, wo steht der Bahndamm, wo liegt die Strasse. Diese Schicht verändert sich über Jahrzehnte und ist der stabilste Teil eines Bildes.

Die zweite Schicht ist das Gebaute: Ziegel, Beton, Verbundglas, Dachformen, Erweiterungen aus fünf verschiedenen Jahrzehnten. Hier wird es interessant, denn die meisten Gebäude in Fechenheim erzählen ihre eigene Baugeschichte, wenn man sie frontal und ohne Korrektur aufnimmt. Ein Haus von 1897 mit einem Anbau von 1974 und einer neuen Glasfront von 2024 ist ein Dokument, kein Mangel.

Die dritte Schicht ist der Gebrauch: Wer stellt was wohin, wo parkt jemand, wo liegt Material, wo steht ein Container seit drei Jahren. Diese Schicht verändert sich täglich und ist der Grund, warum ich jeden Auftrag mindestens zweimal vorher abgehe.

Warum der Stadtteil nicht Kulisse sein darf

Es gibt eine Art der Standortfotografie, die den Ort als Hintergrundrequisite behandelt. Die Aufnahme zeigt ein modernes Gebäude, davor eine unscharfe Häuserzeile, und der Text erklärt, wie lebendig das Umfeld sei. Diese Bilder sagen nichts, weil der Stadtteil darauf keine Rolle spielt. Man könnte ihn durch jeden anderen austauschen.

Der Gegenentwurf ist unbequemer, weil er den Kontext tatsächlich zeigen muss. Wenn ein Betrieb an einer vielbefahrenen Strasse liegt, gehört die Strasse ins Bild oder es braucht einen nachvollziehbaren Grund, sie wegzulassen. Wenn gegenüber eine stillgelegte Halle steht, ist das ein Teil der Erzählung und nicht ein Fehler, den man wegretuschieren sollte.

Was dabei entsteht, ist kein schönes Bild im Sinne von Hochglanz, sondern ein belegbares. Für Betriebe ist das der wichtigere Wert. Ein Fertigungsbetrieb, dessen Website zeigt, dass er zwischen zwei Industriebauten und einer Bahnlinie arbeitet, wirkt glaubwürdiger als einer, dessen Werkhalle in einer weissen Fläche zu schweben scheint.

Die Jahreszeiten entscheiden mit

Im Frankfurter Osten gibt es ungefähr acht Wochen im Jahr, in denen das Licht so ist, dass man ohne Vorbereitung arbeiten kann. Das sind der späte September, der Oktober und ein Teil des Novembers, wenn die Sonne flach steht und die Luft klar ist. Im Hochsommer steht sie um die Mittagszeit so hoch, dass jedes Foto flach wird; im Februar ist sie so tief, dass sie in Fenster hineinschneidet und Innenräume unbrauchbar macht.

Wer einen Fototermin plant, sollte das wissen und nicht gegen die Jahreszeit arbeiten. Ein Porträt im Juli im Studio ist kein Problem, weil wir den Raum kontrollieren können. Eine Werkhalle im Juli um zwei Uhr nachmittags zu fotografieren ist verlorene Zeit. Dasselbe gilt für den umgekehrten Fall: Für eine Innenaufnahme bei flachem Winterlicht braucht man in der Regel künstliche Aufhellung oder einen anderen Tag.

Für den Innenraum gilt ohnehin die Regel, die ich in fast jedem Auftrag wiederhole: Erst die Fenster, dann die Kamera. Welche Himmelsrichtung, welche Tageszeit, welche Reflexion auf welcher Fläche. Die Einzelheiten dazu stehen unter Licht im Raum.

Für Betriebe hat die Ortsfrage ausserdem eine praktische Seite. Wer seine Räume dokumentieren lässt, sollte vorher entschieden haben, was die Bilder leisten sollen; die Kriterien dafür stehen unter Bilder für die Unternehmenswebsite auswählen und die organisatorische Seite unter Mitarbeiterporträts planen. Dass Orte allein noch keine Bildsprache ergeben, steht unter Unternehmensfotos, die nach Unternehmen aussehen.

Was ich mitbringe und was nicht

Ich arbeite im Frankfurter Osten mit wenig Ausrüstung. Eine Kamera mit zwei Festbrennweiten, ein Stativ, ein Graufilter, ein Massband und ein Notizbuch. Kein Blitz, keine Nebelmaschine, keine Menschen, die für die Aufnahme durchs Bild laufen.

Das Massband ist das wichtigste Werkzeug, weil es die einzige Möglichkeit ist, den Abstand zum Gebäude zu prüfen, ohne sich zu täuschen. Die meisten Architekturaufnahmen sind schief oder zu eng, weil jemand geschätzt hat. Sechs Schritte Abstand ergeben bei einer Brennweite von vierundzwanzig Millimetern etwa dieselbe Deckung wie drei Schritte bei fünfzig Millimetern, aber ein völlig anderes Verhältnis zwischen Vorder- und Hintergrund. Wer das einmal gemessen hat, schätzt nicht mehr.

Das Notizbuch ist das zweitwichtigste. Ich notiere Uhrzeiten und Sonnenstände, und ich notiere, was ich beim nächsten Mal anders machen würde. Manche Gebäude brauchen drei Anläufe, bis das Licht stimmt.

Wie eng oder weit ein Gebäude im Bild stehen sollte, ist eine eigene Entscheidung mit sichtbaren Folgen; ich habe sie unter Was der Bildrand verändert aufgeschrieben. Wer einen Termin plant, findet die praktische Vorbereitung unter Ein Fotoshooting vorbereiten.

Wo die Grenze zur Inszenierung liegt

Es gibt einen Punkt, an dem Dokumentation in Inszenierung kippt, und er ist leichter zu benennen, als man denkt. Sobald ein Gegenstand nur wegen der Aufnahme im Raum steht, ist die Grenze überschritten. Ein Stuhl, der hingetragen wurde, eine Pflanze aus dem Büro, ein Stapel Zeitschriften, der zufällig nach Ordnung aussieht.

Für mich ist das eine harte Regel. Wenn etwas nicht im Raum war, kommt es nicht ins Bild, es sei denn, es gehört zum Auftrag und wird als solches gekennzeichnet. Bei Firmenporträts ist die Grenze manchmal schwer zu halten, weil ein Betrieb anlässlich des Termins aufräumt. Deshalb sagen wir vorher deutlich, dass Aufräumen nicht nötig ist. Was danach kommt, ist eine Frage der Absprache und keine Frage des Geschmacks.

Wie sich solche Bilder anschliessend zu einer Serie fügen, die über einen einzelnen Termin hinaus etwas aussagt, ist unter Warum eine Bildserie mehr erzählt beschrieben.

Zum Schluss zwei praktische Hinweise für Betriebe, die einen Ort fotografieren lassen wollen. Erstens: Nennen Sie uns die Adresse rechtzeitig, damit wir vorher hinschauen können; wir kommen ohnehin einmal ohne Kamera vorbei. Zweitens: Sagen Sie uns, was in den nächsten Jahren geplant ist. Wenn ein Anbau kommt oder eine Halle abgerissen wird, sollte die Dokumentation das wissen, denn Bilder von einem Zustand, den es bald nicht mehr gibt, sind später wertvoller als Bilder von einem Zustand, der bleiben wird.

Und wer sich für die rechtliche Seite interessiert, also dafür, was mit Aufnahmen passiert, auf denen Menschen zu sehen sind, findet die Grundlagen unter Alt-Texte für Fotografien und, wichtiger noch, unter Bildrechte bei Mitarbeiterfotos.

Lukas Lindemann

Lukas Lindemann fotografiert Gebäude, Werkhallen und die Flächen dazwischen. Bevor er eine Kamera auspackt, läuft er ein Haus zweimal ab und notiert, wann welches Fenster welches Licht liefert. Er arbeitet im Frankfurter Osten, weil dort die Ziegel ehrlich gealtert sind und die Räume noch Widerstand leisten.

„Das diffuse Licht über dem Fluss im November gibt Bildern eine Schwere, die man im Studio mit drei Softboxen vergeblich nachbaut.“