Über das Material

Das gedruckte Bild: Warum ein Foto erst auf Papier zu Ende gedacht ist

Arnold Hahn5 Min.

Über das Material

Das gedruckte Bild: Warum ein Foto erst auf Papier zu Ende gedacht ist

Über das stille Verschwinden auf Festplatten, die Haltbarkeit von Barytpapier und den Unterschied zwischen Anschauen und Vorbeiscrollen.

5 Minuten Lesezeit Für Menschen


Wenn Besucherinnen und Besucher in das Studio an der Alt-Fechenheim kommen, erwarten viele einen Monitor. Sie rechnen mit einem leuchtenden Tablet auf der Tischplatte, auf dem man mit zwei Fingern hineinzoomt, um die Schärfe der Wimpern bei zweihundert Prozent Vergrößerung zu kontrollieren.

Ich schiebe stattdessen eine flache Schachtel aus grauem Museumskarton über das Holz. Darin liegen keine Bilddateien, sondern fertige Abzüge auf dreihundertzehn Gramm schwerem Baumwollpapier.

Wer einen solchen Bogen zum ersten Mal in beide Hände nimmt, hält unwillkürlich inne. Das Papier biegt sich kaum durch. Es hat ein spürbares Eigengewicht, eine samtige Kante und riecht schwach nach getrockneter Pigmenttinte. In diesem kurzen Moment des Zögerns geschieht etwas Wesentliches: Das Bild verlässt den Zustand einer beliebigen Information und wird zu einem Gegenstand.

Auflicht gegen Durchlicht

Der Unterschied zwischen einem Bildschirm und einem Papierabzug ist keine Geschmacksfrage, sondern elementare Physik.

Ein Bildschirm erzeugt Durchlicht. Leuchtdioden oder OLED-Pixel strahlen aktiv von hinten in das Auge des Betrachters. Das Licht ist grell, aufdringlich und unabhängig von der Umgebung: Ein Smartphone leuchtet im finsteren Keller mit derselben Helligkeit wie am Mittagstisch. Auf solchen Glasflächen betrachten wir Fotografien im Schnitt zwischen einer halben und zwei Sekunden, bevor der Daumen ungeduldig zur nächsten Mitteilung wischt.

Papier verhält sich genau umgekehrt: Es leuchtet nicht von selbst. Es empfängt das Licht, das im Zimmer vorhanden ist, und wirft es gedämpft zurück.

Ein Porträt an der Wand verändert sich deshalb im Takt der Stunden. Wenn morgens kühles Tageslicht durch das Fenster fällt, wirkt das Gesicht wach und klar. Am späten Nachmittag färbt das Streiflicht die Schatten warm ein, und in der Dämmerung sinkt die Kontur langsam in die Dunkelheit des Raumes ab. Das Bild atmet mit dem Haus. Wer verstehen möchte, wie diese Lichtwege im Raum verlaufen, findet die Beobachtungen dazu unter Licht im Raum.

Die Illusion der unbegrenzten Cloud

Wir erleben derzeit einen sonderbaren Widerspruch. Noch nie wurden in der Geschichte der Menschheit so viele Aufnahmen belichtet wie heute. Schätzungen sprechen von vielen hundert Milliarden Fotografien im Jahr. Gleichzeitig war noch nie eine Generation so gefährdet, ihren Kindern und Enkeln fast keine greifbaren Bildzeugnisse zu hinterlassen.

Digitale Bilder sterben leise. Sie verrotten nicht wie feuchtes Papier, sondern sie verschwinden schlicht aus dem Blickfeld. Sie liegen auf magnetischen Festplatten, deren Controller nach sieben Jahren den Dienst verweigern, oder auf Flash-Speichern, die ohne Stromladung ihre Bits verlieren. Vor allem aber lagern sie in Cloud-Konten, deren Passwörter niemand erbt und deren Abonnements nach dem Ableben eines Kontoinhabers gelöscht werden.

Dazu kommt die Trägheit der schieren Masse. Wer von einem zweiwöchigen Urlaub viertausend unkuratierte Rohdateien auf einem Speicherstick ablegt, schaut sie nie wieder an. Die Fülle lähmt die Erinnerung.

Ein alter Schuhkarton auf dem Dachboden hingegen, gefüllt mit hundert Schwarzweißabzügen der Großeltern, funktioniert ohne Strom, ohne Software-Update und ohne Passwort. Die Ränder mögen bestoßen sein, doch die Personen darauf sind präsent. Sie fordern Zuwendung ein, weil jemand sie einst ausgewählt, bezahlt und in die Hand genommen hat.

Das Handwerk des Haltens

Damit ein Abzug über Generationen hinweg stabil bleibt, braucht es handwerkliche Disziplin. Herkömmliches Büropapier enthält Holzschliff und Lignin. Es vergilbt rasch und zersetzt sich durch innere Säurebildung selbst.

Im Studio verwenden wir Hadernpapiere aus reiner Baumwolle und traditionelles Barytpapier mit Bariumsulfat-Beschichtung. Diese Träger sind säurefrei, frei von optischen Aufhellern und besitzen eine alkalische Pufferung nach der Archivnorm ISO 9706. Zusammen mit mineralischen Pigmenttinten auf Carbonbasis erreichen solche Drucke eine Haltbarkeit von weit über hundert Jahren.

Wer sich tiefer mit der Konservierung und Geschichte historischer Bildbestände befasst, stößt auf die Arbeit der Deutschen Gesellschaft für Photographie, die seit vielen Jahrzehnten dokumentiert, wie materielle Originale bewahrt werden können, während frühe digitale Formate längst unrettbar verloren sind.

Kleine Bleistiftzeichnung eines Kontaktbogens mit mehreren kleinen Bildfeldern.

Erst auf Papier wird die Auswahl endgültig.

Ein gedrucktes Bild zwingt zur Entscheidung. Auf einer Speicherkarte kosten zehn zusätzliche Auslösungen keinen Cent. Am Schneidetisch hingegen kostet jeder Druck Zeit, Konzentration und Baumwolle. Man druckt nicht vierzig Bilder einer Sitzung aus. Man wählt drei oder vier Aufnahmen aus, die zusammen eine Geschichte tragen, und verwirft den Rest. Warum diese Beschränkung die Aussagekraft stärkt, habe ich gemeinsam mit Valerie Schöning in Warum eine Bildserie mehr erzählt aufgeschrieben.

Der Bildrand und die Schutzzone

Ein Foto auf Papier endet nicht im Nichts. Es besitzt eine physische Grenze: den weißen Rand des Kartons.

Dieser Rand ist keine Verschwendung von Fläche, sondern die Schutzzone des Motivs. Wird ein Porträt in ein Passepartout aus Museumskarton gebettet, trennt der Schrägschnitt das Gesicht von der Unruhe der Wandtapete. Das Auge bekommt einen Puffer, in dem es zur Ruhe kommen darf. Wie entscheidend diese Begrenzung für die Wirkung ist, beschreibt Lukas Lindemann in Was der Bildrand verändert.

Wenn wir im Studio Mehrgenerationen-Porträts aufnehmen, wie in der Arbeit Zusammen im Bild, empfehle ich den Familien immer denselben Weg: Nehmen Sie die Bilder als Druck mit nach Hause. Stellen Sie einen Rahmen auf ein Regal, an dem Sie jeden Tag vorbeigehen.

Ein solches Bild drängt sich nicht auf. Es vibriert nicht in der Hosentasche und verlangt keine Interaktion. Es steht einfach da, verlässlich und geduldig. Es erinnert uns daran, wer wir waren und wer uns begleitet hat.

Wer einen Termin im Studio plant, sollte diese Frage von Anfang an mitdenken. Wie die Vorbereitung abläuft, steht unter Ein Fotoshooting vorbereiten und Mitarbeiterporträts planen. Wie die ersten Minuten vor der Linse gestaltet werden können, beschreibt Ein gutes Porträt beginnt vor der Kamera. Und wer sich fragt, wie man sich vor der Kamera verhält, liest am besten Was mache ich mit meinen Händen?.

Am Ende bleibt eine einfache Erfahrung: Eine Bilddatei gehört der Festplatte. Erst der fertige Abzug gehört Ihnen.

Arnold Hahn

Arnold Hahn hat 2004 ein Hinterhaus in Alt-Fechenheim bezogen und dort ein Studio eingerichtet, das bis heute vor allem aus Nordlicht, zwei Holztischen und viel Boden besteht. Er fotografiert Menschen, Arbeitsorte und Werkstätten, meistens mit einer Kamera, die er seit fünfzehn Jahren benutzt. Vor der Aufnahme spricht er länger als viele Kolleginnen und Kollegen für nötig halten.

„Ich schaue zuerst, wo das Licht herkommt. Meistens ist es ein Fenster, manchmal eine weiße Wand, die den Nachmittag zurückwirft.“