
Menschen
Ein Porträt am Fenster
Eine Buchgestalterin, ein Nachmittag und die Frage, was sich verändert, wenn jemand Zeit hat, die Schultern sinken zu lassen.
H. R. hat angerufen, weil sie ein neues Buchprojekt betreut und für den Umschlag ein Bild von sich brauchte. Am Telefon hat sie gesagt, sie hasse es, fotografiert zu werden. Ich habe geantwortet, das sei die normale Ausgangslage, und wir haben einen Termin für Donnerstag um halb vier vereinbart. Diese Uhrzeit habe ich gewählt, weil das Licht dann im Studio am längsten steht.
Sie kam zwölf Minuten zu früh und blieb im Türrahmen stehen, als müsste sie erst prüfen, ob der Raum wirklich so aussieht wie auf der Website. Dann hat sie die Jacke aufgehängt, ohne dass ich etwas sagen musste, und sich an den Tisch gesetzt. Wir haben ungefähr eine halbe Stunde geredet. Über ihr Buch, über die Schwierigkeit, Titel zu setzen, über ihren Vater, der Setzer war. Die Kamera stand währenddessen auf dem Stativ am Rand und war aus.
Der Stuhl stand schon da
Ich habe den Stuhl vorher an eine Stelle gerückt, etwa anderthalb Meter vom Ostfenster weg und leicht schräg zum Raum. Nicht, weil das die perfekte Position wäre, sondern weil sie von dort aus sowohl in den Hof als auch an die weisse Wand schauen kann. Wer sich bewegen darf, ohne dass jemand eingreift, bewegt sich irgendwann von selbst.
Die ersten Aufnahmen zeigen entsprechend wenig. Eine halbe Figur im Raum, die Hände noch am Notizbuch, der Blick irgendwo zwischen Fenster und Boden. Das sind Bilder, die man später nicht verwendet. Sie sind trotzdem wichtig, weil sie den Übergang markieren: Ab der zwanzigsten Aufnahme hat sie aufgehört, sich für die Kamera zu halten.
Was sich verändert, wenn niemand etwas verlangt
Der Wendepunkt kam, als ich sie gebeten habe, kurz gar nichts zu tun. Keine Haltung, kein Ausdruck, nur sitzen und atmen. Nach etwa vierzig Sekunden sind die Schultern tatsächlich tiefer gerutscht, und das Gesicht hat etwas von dieser Anspannung verloren, die man auf Bewerbungsfotos sieht. Ich habe in diesem Moment nicht ausgelöst, sondern gewartet, bis sie wieder angefangen hat zu denken. Erst dann.
Das vierte Bild der Serie entstand, weil sie an mir vorbeigeschaut hat. Nicht ins Objektiv, sondern an der Kamera vorbei zum Fenster hinaus, wo gerade jemand mit einem Fahrrad durch den Hof gefahren ist. Ihre Augen sind dabei halb geschlossen, das Tageslicht modelliert eine Seite des Gesichts und lässt die andere im weichen Schatten. Es ist die einzige Aufnahme des Tages, bei der ich hinterher nichts überlegt habe.
Der Schatten nimmt nichts weg
Zum Schluss habe ich sie gebeten, sich zwei Schritte nach hinten zu setzen, in den Bereich, in dem das Fensterlicht nur noch als Streiflicht ankommt. Viele Menschen erschrecken an dieser Stelle, weil sie das eigene Gesicht plötzlich dunkler sehen. Sie hat kurz gelacht und gesagt, so sehe sie morgens im Badezimmer auch aus. Ich habe die Aufnahme trotzdem gemacht, weil sie recht hatte und weil das Bild dadurch mehr über sie erzählt als jedes gleichmässig ausgeleuchtete Porträt.
Nach knapp drei Stunden sind wir gemeinsam vor den Bildschirm gegangen. Sie hat zweiundsechzig Aufnahmen gesehen, alle, auch die misslungenen. Am Ende hat sie sechs ausgewählt, und ich hätte dieselben genommen. Wir haben noch eine Viertelstunde am Tisch gesessen, Tee getrunken und über den Setzer gesprochen, der ihr Vater war. Das Bild, das auf dem Umschlag ihres Buches gelandet ist, war nicht dabei.
Bildstrecke
Sechs Aufnahmen aus drei Stunden
Die Reihenfolge ist dieselbe wie am Nachmittag der Aufnahme. Der leere Stuhl am Anfang und der leere Stuhl am Ende gehören zusammen.
-
Der Stuhl steht schon, bevor jemand kommt. Nachmittagslicht, ungefähr halb vier. Foto: Arnold Hahn -
Die ersten Minuten gehören dem Ankommen. Sprechen, Wasser, dann erst die Kamera. Foto: Arnold Hahn -
Ihre Hände auf dem Notizbuch. Sie hat aufgehört, an ihnen zu denken. Foto: Arnold Hahn -
Sie schaut kurz an mir vorbei. Das ist der Moment, in dem das Bild entsteht. Foto: Arnold Hahn -
Dasselbe Gesicht, zwei Schritte weiter nach hinten. Der Schatten nimmt nichts weg. Foto: Arnold Hahn -
Zwanzig Minuten später. Der Stuhl steht wieder da, das Licht ist gewandert. Foto: Arnold Hahn

Sechs Bilder, die zusammen mehr sagen als jedes einzeln.
Nachweise
Alle Aufnahmen entstanden im Studio an der Alt-Fechenheim 79. Die Porträtierte hat der Veröffentlichung dieser sechs Bilder schriftlich zugestimmt; ihr Name erscheint auf ihren Wunsch nur abgekürzt.
- Fotografie: Foto Arnold Hahn
- Auftraggeber: H. R., Buchgestalterin (Privatauftrag)
- Aufnahmeort: Fotostudio Arnolds, Alt-Fechenheim
- Bearbeitung und Kuration: Fotostudio Arnolds